17th Feb2012

Mercedesfahrer? Spießer!

by Sternenkreuzer

Rentner-Auto, Bauern-Benz, Opa-Kutsche… Es fallen sicher noch mehr Synonyme für Mercedes oder seine Fahrer ein.
Wer Mercedes fährt, hat es geschafft. Mercedesfahrer sind Spießer. Ein Mercedes ist was für Rentner. Einen Mercedes fahren nur Opas. Ein Mercedes ist unsportlich. Wenn ich Mercedes fahren will, nehm’ ich ein Taxi.

Rentnerkutsche & Opa-Auto

Wer in den 60ern, 70ern und 80ern einen neuen Mercedes fahren wollte, musste eine Menge hart verdienter Mark über den Verkaufstresen reichen. Mercedes waren teuer, sehr teuer. Und oft nur erschwinglich für Leute, die schon sehr lange für ihr gearbeitet haben oder eine steilere Karriereleiter besteigen konnte als das normale Bürgertum. Viele ältere Herren konnten sich also einen Mercedes leisten. Mercedes stand schließlich für enorme Sicherheit, für Zuverlässigkeit. Coupés, Cabrios und Sportwagen sind was für junge Leute. Wer Sicherheit wollte, kaufte sich einen Mercedes.

Ein Mercedes 200 (W123) kostete 1976 ab DM 18.870,00, für einen stärkeren 280 musste man mindestens DM 24.997,20 bezahlen. Zum Vergleich: Ein Käfer 1200 mit 1,6-Liter-Maschine kostete damals bei Einführung DM 7.920,00. Das Durchschnittsgehalt lag 1976 bei etwa DM 1.300,00 pro Monat und der Liter Benzin kostete 91 Pfennig, Diesel 45,2 Pfennig und einen halben Liter Bier konnte man für 79 Pfennig bekommen.
In einer Zeit, in der die neue Mittelschicht wuchs, der 2. Weltkrieg schon länger zurücklag und das brave Bürgertum in Reihenhäusern wohnte sowie in den Genuss von Farbfernsehen kam, wollte jeder fleißige Bürger einen Mercedes. Falls das Geld nicht reichte, blieben immer noch der Ford Granada, der Opel Commodore und der 5er von BMW. Letzterer kämpfte mit der Qualität und Ford und Opel… Nein, sie kamen einfach nicht an den Mercedes heran. Ausländische Fabrikate waren erst gar nicht im Blickfeld des potentiellen Mercedes-Käufers.

Und heute? Mercedes haftet immer noch ein biederes Image an. Jedoch scheint das nicht mehr so extrem und allgegenwärtig zu sein wie bis in die 90er hinein. Als spießig gelten heute die C-Klasse und vor allem die B-Klasse (hier sitzt der werte Herr nicht so tief, sondern schön hoch). Was sich nicht geändert hat: Mercedes sind immer noch teuer. Sehr teuer.

Mercedes Taxi

Hohe Zuverlässigkeit, unzerstörbare und robuste Motoren, (damals noch) günstiger Diesel-Treibstoff – Ist doch klar, dass Taxifahrer auf Mercedes abfahren. Sie wählen fast ausschließlich einen Diesel. Motor-Laufleistungen jenseits der 500.000 oder sogar 700.000 km sind keine Seltenheit. Was bei uns dann irgendwann kaputt ist, fängt irgendwo in Marokko ein zweites Leben an und überschreitet mit hoher Wahrscheinlichkeit die Millionengrenze an gefahrenen Kilometern.

1976 gab es vier Diesel-Motoren für den W123: den 200D, den 220D, den 240D und den 300D.
Mercedes 200D: 55 PS, 130 km/h, 31,0 Sek. 0-100 km/h, 8,9 Liter Verbrauch, Stückzahl 378.138
Mercedes 220D: 60 PS, 135 km/h, 28,1 Sek. 0-100 km/h, 9,0 Liter Verbrauch, Stückzahl 56.736
Mercedes 240D: 65 PS, 138 km/h, 24,6 Sek. 0-100 km/h, 9,3 Liter Verbrauch, Stückzahl 449.780
Mercedes 300D: 80 PS, 148 km/h, 19,9 Sek. 0-100 km/h, 9,9 Liter Verbrauch, Stückzahl 324.718

Für einen Taxifahrer kamen eigentlich nur der 200D sowie der 240D in Frage. Letzterer wurde mit fast 450.000 Einheiten am meisten gebaut. Der 220D wurde verhältnismäßig wenig gebaut und spielt somit kaum eine Rolle. Der 300D war als Taxi bereits übermotorisiert (und wohl auch zu teuer).

Der erste Diesel wurde übrigens bereits 1936 in ein Mercedes-Modell gebaut. Der 260D hatte damals 45 PS, 4 Zylinder und trank etwa 9 Liter. Die Taxifahrer waren begeistert. Sie gaben den Ausschlag für den Bau dieses Wagens, denn er wurde nicht nur von Ingenieuren getestet, sondern sollte sich auch im Alltagseinsatz beweisen: als Taxi. Die Taxifahrer konnten jetzt den viel günstigeren Treibstoff tanken – der Liter Diesel kostete damals mit 17 Pfennig weniger als die Hälfte des Benzins.

Die Taxilandschaft in Deutschland bestand in den 70ern zu einem Großteil aus Mercedes-Modellen. Vielleicht wurde genau das einigen potentiellen Mercedes-Kunden zum Totschlag-Argument: Wer möchte schon ein Auto kaufen, in dem sich jeder Hans und Franz bereits herumkutschieren lassen kann?

Bauern-Benz

Die robusten Diesel waren unter anderen auch bei Bauern sehr beliebt. Ein Bauern-Benz ist meist ein Basis-Mercedes ohne jegliche Sonderausstattung. Ein 200D genügte völlig. Träge, langsam? Reicht. Beliebte Farben: Waldesgrün, Strohgelb.


Der Mercedes 200D war bei Landwirten sehr beliebt.
Bildquelle: fotocommunity.de/Yücel K.

Spießer?

Das Wort Spießer stammt von Spießbürger und bezeichnet abwertend einen Menschen, der sich innerhalb gesellschaftlicher Normen äußerst korrekt verhält. Er ist gegen jegliche Veränderung der eigenen Lebensumgebung und wird für engstirnig gehalten. Andererseits sind Spießer auch ausgesprochen familiär, gerne in Vereinen tätig und lieben ihr trautes Heim. Spießern werden jedoch auch Besserwisserei und Aufgeblasenheit nachgesagt.
Für Jugendliche der Siebziger waren die eigenen Eltern wohl die grössten Spießer. 😉 Die Eltern fuhren Mercedes, die Jungen wollten Manta & Capri.

Bieder steht heute für “altbacken” und “einfältig”, während es früher “rechtschaffen” bedeutete. Der Biedermann hat in etwa die gleiche Bedeutung wie der Spießer.

Warum immer mehr junge Leute alte Mercedes fahren

Jugendliche wollen oft auf keinen Fall nach ihren Eltern kommen. Der Wunsch “anders” zu sein und Dinge anders zu machen war früher da, ist auch nach wie vor da und wird wohl ein ungeschriebenes Gesetz bleiben. Wer sich individuell fortbewegen und präsentieren möchte greift zu dem, was früher schon gut war und heute selten ist. Mit einem Neuwagen ist fast keine Individualität mehr möglich. Wer als junger Spund mit einem W123 um die Ecke kommt, gilt heute nicht mehr als Spießer, sondern als cool. 😎

Natürlich gibt es noch andere Autos als Mercedes. 😉

Interessanter Artikel von der Welt zu diesem Thema: “Youngtimer: Warum junge Leute spießige Autos fahren”.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *